Text: Florian Etterer
Fast alle, die in Chemnitz zur Schule gingen, waren auch schon einmal im Botanischen Garten. Dennoch ist vieles über diesen beeindruckenden Ort nur Wenigen bekannt. Wie viele wissen überhaupt, dass das Gelände deutlich größer ist als nur der eingezäunte Bereich?

Botanische Gärten sind Orte, wo Pflanzen gesammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt werden. Meistens gehören sie zu Hochschulen und haben daher einen starken Bezug zur Wissenschaft. In Chemnitz ist das anders – denn der unsrige wird von der Stadt betrieben und seine zentrale Aufgabe ist die eines Bildungsorts für Kinder und Jugendliche.
Vor mehr als 120 Jahren begann alles mit einer Schulgärtnerei und einem Lehrgarten für die Chemnitzer Schulen. In den 1950er-Jahren entstand daraus die „Station Junger Naturforscher“ und das Bildungsangebot fokussierte stärker auf die Vermittlung der heimischen Natur. Erst zu Beginn der 1990er-Jahre wurde das Gelände deutlich erweitert und zum Botanischen Garten komplettiert. Heute sorgen die Stadtverwaltung, das Schulbiologiezentrum, der Förderverein und das Naturschutzzentrum des Nabu e.V. gemeinsam für seinen Erhalt und vielfältige Bildungsangebote.

Der Botanische Garten hat sich über die Jahre immer wieder verändert, musste sich an neue Gegebenheiten anpassen und steht auch heute vor besonderen Herausforderungen. Verschiedene Menschen haben ihn dabei begleitet und geprägt. Für diesen Beitrag hat Chemnitz-grünt-Autor Florian Etterer drei engagierte Menschen zu IHREM Botanischen Garten befragt.
Ulrich Schuster war Lehrer und hatte schon immer ein besonderes Interesse an der heimischen Natur. Sein Fachgebiet ist eigentlich die Ornithologie, aber man merkt schnell, dass er sich auch mit den heimischen Pflanzen sehr gut auskennt. 1976 wurde er an die „Station Junger Naturforscher“ beordert – so hieß das Gelände seit den 1950er-Jahren bis zur Wende. Die Heranführung junger Menschen an die Natur ist für ihn bis heute eine Herzensangelegenheit. Er erzählt gerne, dass einige seiner Zöglinge auch eine entsprechende berufliche Laufbahn einschlugen und sich zu angesehenen Experten entwickelten. Gemeinsam mit den Herren Stopp (Gärtner) und Wienke (Gartenarchitekt) trieb Ulrich Schuster seit Ende der 1970er Jahre die Idee zur Schaffung eines Botanischen Gartens in Chemnitz voran. Mit Erfolg: 1989 beschloss die Stadt, einen Botanischen Garten einzurichten. Ulrich Schuster wurde zum ersten Leiter ernannt.

In den 1990er-Jahren bot sich die wohl einmalige Gelegenheit, den angrenzenden Crimmitschauer Wald umzugestalten und das Areal von weniger als zwei auf über zwölf Hektar zu erweitern. Hierfür erfolgte zunächst die Auslichtung des dichten, stangenartigen Waldbestands, um den verbliebenen Bäumen ausreichend Platz für ihre Kronenentwicklung zu geben. Zudem wurden über 3.000 Bäume und noch deutlich mehr Sträucher gepflanzt. Das Einbringen von Laub aus städtischen Grünflächen über drei Jahre diente zusätzlich der Bodenverbesserung und es wurden Unmengen an unterschiedlichen Gesteinen, Sand und Kies bewegt. Durch die umfangreichen Bemühungen entstand über die Jahre ein naturnahes Gelände, welches einen Eindruck von der Lebensraumvielfalt in Deutschland vermittelt. Auf kleinstem Raum sind hier Pflanzengesellschaften der Heiden, der Dünen, des Auwalds und weiterer Waldgesellschaften versammelt. Die so entstandene Artenvielfalt ist für Chemnitz sicherlich einzigartig.
Dieser Bereich ist weiterhin ein waldartiges Gebiet mit imposanten Bäumen, welches von schmalen Pfaden und Holzstegen durchzogen wird. Am Bach, in den Tümpeln und zwischen großen Ulrich Schuster Steinen gibt es auch für Kinder allerlei zu entdecken. Es ist nicht verwunderlich, dass sich hier zahlreiche Amphibien, Insekten und Vogelarten heimisch fühlen. Der Kammmolch hat im Botanischen Garten eine seiner größten Populationen in Chemnitz und bei Sanierungsarbeiten an den Gewässern wurden in den 1990er-Jahren um die 20 Libellenarten erfasst. Leider können aber einzelne Bereiche nicht mehr ausreichend unterhalten werden. Von einer kleinen Aussichtsplattform am Hang und vom Tastpfad zeugen nur noch Relikte.
2013 ging Ulrich Schuster in den Ruhestand, war aber danach noch viele Jahre Vorsitzender des Fördervereins für den Botanischen Garten und engagiert sich bis heute beim Naturschutzbund Deutschland e.V. (Nabu). Er ist tief verbunden mit diesem Ort und es schmerzt ihn, dass der Erhalt des Botanischen Gartens immer wieder in Frage gestellt wurde und die Gelder für die Unterhaltung und die Bildungsangebote knapp bemessen sind.
Wolfgang Berthold studierte Biologie und hat vor 30 Jahren als Mitarbeiter im Botanischen Garten angefangen. 2013 löste er Ulrich Schuster als Leiter des Botanischen Gartens ab. Das Gelände kennt er aber bereits seit seiner Schulzeit. Seine besondere Leidenschaft ist die Vegetation Mexikos und die Pflanzungen in den Gewächshäusern tragen seine Handschrift.

Er kann sehr viel über die Geschichte des Gartens berichten und vor allem sehr gut erklären, wie der Botanische Garten organisatorisch funktioniert. Schließlich lautet dessen offizieller Name „Botanischer Garten Chemnitz, Schulbiologie- und Naturschutzzentrum“. Grundsätzlich ist der Garten eine Einrichtung der Stadt Chemnitz, die sich um die Pflege der Pflanzen und Tiere sowie um die Unterhaltung der Bauwerke, Wege und Gewässer kümmert. Die Stadt stellt somit die Infrastruktur. Die Vereine und das Schulbiologische Zentrum sind gewissermaßen das „Sahnehäubchen“: Sie beleben den Botanischen Garten durch Bildungsangebote, Vorträge, Führungen und Feste.
Er kann sehr viel über die Geschichte des Gartens berichten und vor allem sehr gut erklären, wie der Botanische Garten organisatorisch funktioniert. Schließlich lautet dessen offizieller Name „Botanischer Garten Chemnitz, Schulbiologie- und Naturschutzzentrum“. Grundsätzlich ist der Garten eine Einrichtung der Stadt Chemnitz, die sich um die Pflege der Pflanzen und Tiere sowie um die Unterhaltung der Bauwerke, Wege und Gewässer kümmert. Die Stadt stellt somit die Infrastruktur. Die Vereine und das Schulbiologische Zentrum sind gewissermaßen das „Sahnehäubchen“: Sie beleben den Botanischen Garten durch Bildungsangebote, Vorträge, Führungen und Feste.
Das Schulbiologische Zentrum in der Trägerschaft des Landesamts für Schule und Bildung (LaSuB) richtet sich mit unterschiedlichen Bildungsformaten an Schulklassen – von der Grundschule bis zum Gymnasium. So gesehen ist es die Weiterführung des 1898 gegründeten Zentralschulgartens. Gemessen an den Teilnehmerzahlen ist es heute eine der größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland.
Das Naturschutzzentrum des Naturschutzbundes Deutschland e.V. (Nabu) bietet spezifische Bildungsangebote für verschiedene Altersgruppen. Es gibt fünf Arbeitsgemeinschaften für Kinder und zudem die Naturschutzjugend.

Außerdem betreut der Nabu die Schmetterlinge im Tropenhaus. Heute sind im Schulbiologiezentrum noch ein Lehrer und im Naturschutzzentrum ein Pädagoge und eine FÖJ-Stelle beschäftigt. Vor der Wende waren aber in der Station Junger Naturforscher bis zu fünf Pädagogen im Einsatz.
Eine weitere wichtige Institution ist der Förderverein. Dieser unterstützt die Einrichtungen nicht nur finanziell, sondern leitet auch selbst drei Arbeitsgruppen für Kinder und organisiert zahlreiche Vorträge, Seminare, Führungen und Exkursionen. Damit der Austausch mit der Stadt gut funktioniert und um die Aktivitäten zu unterstützen, sind Herr Berthold und weitere Mitarbeiter*innen bei den Vereinen ehrenamtlich aktiv.
Gerade für Familien sind meistens die zahlreichen Tiere die Hauptattraktion. Ein derart großer Umfang ist in der Tat sehr ungewöhnlich für einen Botanischen Garten. Dass so viele Tiere gehalten werden, hat seine Ursprünge in den 1950er-Jahren. Damals war das Interesse an Tierhaltung weitaus größer ausgeprägt als an der Gärtnerei. So widmeten sich die ersten beiden AGs in der Station Junger Naturforscher der Kaninchen- und Schafzucht. Heute steht die Vermittlung des Wechselspiels zwischen Tieren und Pflanzen im Vordergrund. Schließlich können in der freien Natur viele Pflanzen nicht ohne ihre tierischen Partner überleben und umgekehrt.
In seinem letzten Jahr vor dem Ruhestand hat Herr Berthold noch alle Hände voll zu tun. Bei mehreren Gebäuden sind umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich und so ist er erleichtert, dass der Stadtrat nun endlich Gelder zur Sanierung des Tropenhauses bewilligt hat. Sorgen bereitet ihm aber die Frage, ob man nach Bewältigung der Corona-Pandemie wieder das ursprüngliche Niveau an Bildungsangeboten und Veranstaltungen erreichen kann, denn vieles hängt an Fördermitteln und ehrenamtlichen Engagement. Und ganz nebenbei versucht Herr Berthold auch noch möglichst viele Chemnitzer*innen von der Einzigartigkeit des Botanischen Gartens Chemnitz zu überzeugen.
Steffi Brödner ist erst seit zwei Jahren im Förderverein aktiv. Sie hat kein ausgeprägtes Faible für Botanik und auf der Suche nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Aufgabe landete sie eher zufällig beim Botanischen Garten. Vielleicht haben sie aber auch unbewusst ihre Erinnerungen aus der Kindheit hierhergeführt.
Die vielen positiven Erinnerungen der Chemnitzer*innen an den Botanischen Garten bieten für sie das großartige Potenzial, um hier einen Gemeinschaftsort zu kultivieren – ein Ort des Wissens, der für jeden etwas bietet und den man mitgestalten kann. Neben ihr gibt es im Verein noch einige neue Mitglieder. Die meisten sind aber schon viele Jahre dabei. Steffi kommt mit frischem Wind, Organisationstalent und vielen neuen Ideen.

Für den Verein hat sie das „BogaBook“ verfasst und damit hoffen die Aktiven im Zuge des Kulturhauptstadtprozesses mehr Aufmerksamkeit und positive Impulse für den Botanischen Garten zu erhalten. In dem Konzept sind viele Anregungen für neue Lernräume, Spielbereiche und Attraktionen zusammengetragen. Die Ideen reichen vom großen Aussichtsturm für den Weitblick, über Forschungsstationen zu speziellen Themen bis hin zu kleinen Rückzugsorten, wo man in Ruhe die Natur beobachten kann. Aber auch eine bessere Anbindung mit dem Fahrrad und Gastronomie mit saisonal passendem Angebot werden angedacht. Vor allem formuliert das BogaBook eine Einladung an alle Chemnitzer*innen zum Mitgestalten. Man darf gespannt sein, was daraus entsteht.
FAKTEN
- Das Gelände beherbergt über 5.000 Pflanzenarten.
- Über 50 Tierarten werden im Botanischen Garten gehalten. Zusätzlich finden zahlreiche
wildlebende Arten hier ein Zuhause. - Das Tropenhaus und das Gewächshaus ermöglichen einen Einblick in die Vegetation
deutlich wärmerer Klimaregionen. - Der Botanische Garten ist eine der größten Schulgarteneinrichtungen Deutschlands.
MITMACHEN
Wer die Arbeit des Botanischen Gartens finanziell unterstützen
möchte oder an einem dauerhaften Engagement interessiert ist, kann sich an den Förderverein
wenden.
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