von Lars Neuenfeld

Der Interkulturelle Garten „Bunte Erde“ an der Franz-Mehring-Straße war der erste neuzeitliche Gemeinschaftsgarten in Chemnitz. Seit 2010 wird hier grenzenlos gegärtnert.

Der Kaßberg: Gründerzeit, Stuck an der Decke, Hochbeet im Innenhof. Schön hier, grün hier – doch unten, kurz vor der Limbacher, zwischen Tanke, Netto und Spielo, ist der Kaßberg gar nicht so mondän. Doch genau hier, versteckt zwischen ein paar Mietshäusern und genanntem Netto-Markt, ist die Erde bunter als im Rest der Stadt.

Jose Daniel wohnte vor 11 Jahren in dieser Gegend und blickte immer auf das brachliegende

Grundstück, das nicht mehr war als ein wilder Parkplatz. Da der Portugiese aber gelernter Gartengestalter ist, wird so eine brache Fläche vor seinem geistigen Auge schnell zum blühenden Eden. So beginnt die Geschichte des ersten Chemnitzer Gemeinschaftsgartens, zumindest schildert sie Anja Hüttner, die zweite im Bunde der Bunten Erde, so. „Jose und ich hatten schon länger den Wunsch, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen können. Wir arbeiteten damals beide im Bildungsbereich, Jose war zudem Gartengestalter. Es erschien uns daher absolut logisch, einen interkulturellen Garten zu gründen,“ berichtet Anja lachend.

Ebenso amüsiert erzählt sie von beider Naivität. „Wir dachten, wir wären die ersten auf der Welt mit dieser grandiosen Idee.“ Das es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland schon über 100 Urban Gardening-Projekte mit ähnlichem Ansatz gab, stellten beide schnell fest und besuchten einige davon. Damit beginnt der ernsthafte Part der Gründungsgeschichte. „Wir haben dann mit Gleichgesinnten ein Konzept erarbeitet, das wir bei der Stadt als Grundstückseigentümerin vorgestellt haben. Am Ende haben sie mit uns einen Pachtvertrag über 10 Jahre abgeschlossen.“ Uns, damit meint Anja den Interkulturellen Garten „Bunte Erde“ e.V., der schon bald gegründet wurde. „Das war wichtig, weil wir so als juristische Person auftreten konnten. Gleichzeitig haben wir uns für den Prozess mit Satzung und all dem viel Zeit gelassen. Uns wurde damals klar, dass wir etwas schaffen wollen, das eine Struktur hat, in die andere hineinkommen können um mitzumachen.“ Damit spricht sie einen heiklen Punkt für viele Gemeinschaftsgarten-Projekte an. Viele wollen etwas, meist ganz verschiedene Dinge, doch oft sind es nur wenige, die tatkräftig mitwirken. „Auch wir standen nach anfänglicher Euphorie oft nur zu zweit oder dritt bei Arbeitseinsätzen da.“ Mittlerweile hat sich das geändert. Von den aktuell 35 Mitglieder*innen ziehen die meisten mit und das nicht nur bei den Gartenpartys.

Für die ansprechende Gartengestaltung ist Jose Daniel zuständig.

Zur Zeit werden 25 Beete von einzelnen oder mehreren Personen
oder Familien nach den eigenen Wünschen bewirtschaftet.
Angebaut werden verschiedene Gemüse- und Obstsorten,
Kräuter, Heilpflanzen und Blumen. Grundlage dafür ist eine
ökologisch-nachhaltige, ressourcenschonende Anbauweise.
Leitbild des Gartens ist der interkulturelle Ansatz. So sollen
u.a. Samen und Pflanzen aus aller Welt, mitgebracht aus der
Heimat, Menschen aus anderen Ländern helfen, sich in Chemnitz
heimisch zu fühlen. Ebenfalls großen Raum nimmt die Bildungsarbeit
ein. Der Verein veranstaltet regelmäßig künstlerische
Werkstätten mit Kindern und Erwachsenen und engagiert sich
für eine kulturelle Bildung in Kindergärten und Schulen. Diese
Arbeit ist mittlerweile sogar preisdotiert, beim Wettbewerb
„Gebaute Orte der Demokratie“ der Wüstenrotstiftung bekam die
Bunte Erde einen der ersten Preise.

Die Idee, sich räumlich auszudehnen und größere Flächen in
anderen Stadtteilen zu nutzen, wurde an den Verein durchaus
herangetragen, dort aber dankend abgelehnt. „Wir haben genug
zu tun und noch viele Ideen.“ Der Pachtvertrag ist mittlerweile
um weitere 10 Jahre verlängert worden. Anja Hüttner wünscht
sich, dass noch viel mehr Menschen die Gemeinschaftsgarten-
Idee umsetzen und dass die Stadt mehr Flächen dafür
freigibt. Für Tipps und Anregungen stehen sie und ihre Mitstreiter*
innen gern zur Verfügung, damit ganz Chemnitz noch bunter
wird.